Interview mit Baruch Many. Rechtsanwalt aus Tel Aviv/Israel

Du bist gerade für vier Wochen in Berlin und nimmst an einem Deutschkurs im Goethe-Institut teil. Wann hast Du zum ersten Mal von der BücherboXX gehört?
Das erste Mal, als ich von der BücherboXX gehört hatte, war ich noch in Tel Aviv, denn unsere Lehrerin hatte das als Thema gewählt. Sie hat uns den Begriff einfach BücherboXX genannt und wir sollten herausfinden: was könnte das sein? Erst später hat sie uns aufgeklärt und wir fanden die Idee besonders gut. Auch in Tel Aviv gibt es die Möglichkeit Bücher zu nehmen und zu bringen, aber es fehlt das Konzept dahinter.

Dein Großvater, Manfred Ullmann, hat mit seiner kleinen Tocher, Deiner späteren Mutter, Deutschland im Jahre 1933 verlassen müssen. Wie waren die näheren Umstände?
Mein Großvater wurde 1933 in Thüringen verhaftet – wegen politischer Aktivitäten. Meine Großmutter kam darauf mit ihrer kleinen Tochter zum Amt und hat darum gebeten, dass er entlassen werden sollte. Jemand hat gesagt, ja, aber sie müssen Deutschland sofort verlassen. Glücklicherweise waren sie dadurch außer Gefahr.

Woher kommt Deine Liebe zu Büchern?
Schon als Kleinkind fand ich Bücher ganz interessant, denn die Bücher konnten mich in andere Welten versetzen. Durch Bücher kann man andere Erfahrungen realisieren und man lebt mehrfach. Zum Lesen angeleitet haben mich meine Eltern, insbesondere vom Vater habe ich viel gelernt.

Welches ist Dein Lieblingsbuch?
Das Buch von San Michele. Der Arzt Axel Munthe aus Schweden, beschreibt seine Lebenserinnerungen. Er studierte Medizin in Paris, war Arzt für reiche Leute hat aber auch den Armen geholfen. Er hat eine Villa auf Capri gekauft, wo der Kaiser Tiberius gewohnt hatte. Ich mag das Buch, weil der Arzt so menschlich ist, er kann menschliche Situationen mit Humor und Empathie beschreiben.

Welche Bedeutung hat für Dich das Mahnmal Gleis 17 im Bahnhof Grunewald? Du gehst ja jeden Tag daran vorbei.
Wenn man die Daten und Eintragungen sieht, begreift man: das war fast jeden Tag, Unglaublich. Ich habe fast alles darüber gelesen. Memoiren, Tagebücher, Romane usw. Aber wenn ich hier stehe, fühle ich mehr als man das jemals aus Büchern verstehen könnte. Zum Denkmal von Karol Broniatowski: man sieht das Vakuum, die Löcher, die Nicht-Existenz und das zeigt, was bleiben könnte: das Nichts, gäbe es nicht die Erinnerung.

Was denkst Du über die BücherboXX am Gleis 17?
Alle BücherboXXen sind ein wunderbares soziales Phänomen und am Gleis 17 ist die BücherboXX etwas ganz Besonderes und es ist klar warum.

Der Architekt und Künstler Mischa Ullmann, ein entfernter Verwandter von Dir, hat das Denkmal an die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 auf dem Bebelplatz entworfen. Von Heinrich Heine stammt der Satz „Wer Bücher verbrennt, verbrennt eines Tages auch Menschen“. Am 9. November 2018 jährt sich zum 80. Mal die Reichsprogromnacht. Wie wichtig ist auch heute nach so langer Zeit noch die Erinnerung an diese schreckliche Zeit?
Die Erinnerung ist sehr wichtig, nicht nur für Deutschland. Eine Botschaft für die ganze Welt. Wir müssen toleranter werden. Wenn wir nicht bereit sind, anderen zuzuhören und wir nicht erlauben, dass auch andere Meinungen existieren können, dann verlieren wir etwas von der Menschlichkeit und das ist eine Warnung für die ganze Welt, denn Intoleranz kann überalll existieren.

Leuten gegenüber, die den Holocaust verneinen, alle müssen lernen. Jemand hat einmal gesagt, dumme Leute lernen nicht aus ihren eigenen Erfahrungen, aber kluge Leute können auch von Erfahrungen anderer Leute lernen.Wer die Geschichte nicht kennt, kann leicht weitere Irrtümer begehen. Wir müssen die Geschichte kennen, die wahre Geschichte.Oder: wer die Geschichte nicht kennt, muss immer leben wie ein kleines Kind.

Du hast sogar einen Vortrag über die BücherboXX mit vielen Bildern in Deinem Deutschkurs im Goethe-Institut gehalten. Und, wie war die Resonanz?
Die Resonanz war großartig. Einige haben sogar einen schriftlichen Kommentar abgegeben:

  • eine alte Telefonzelle, die man nicht mehr braucht, hat so ein zweites Leben. Sie weckt das Interesse der Fußgänger, die nicht unbedingt häufig lesen..Olivia aus Fontainebleau, Frankreich
  • die Idee ist fantastisch. Die Jugendlichen brauchen unbedingt vielmehr Projekte wie BücherboXX. Da ich als Kunstlehrerin in einer Sekundarschule tätig bin, verstehe ich sehr gut, was es bedeutet, mit Jugendlichen gemeinsam zu arbeiten…Eliana aus Argentinien
  • wir finden Ihre Idee vom Umbau der Telefonzellen zu BücherboXXen wirklich super.Wir sind total davon überzeugt, dass Ihr Projekt unseren jungen Leuten überall in Deutschland, in Europa sowie in der ganzen Welt eine bedeutungsvolle Inspiration eingebracht hat. Diana und Tammy aus Italien und Vietnam
  • Baruch hat uns dieses Projekt sehr anschaulich dargestellt und vielleicht tragen die Teilnehmerinnen diese tolle Idee auch in andere Länder..Deutschland
  • ich bin total begeistert von Ihrem Projekt. Menschen machen Bücher, aber Bücher machen Menschen- Die Idee leuchtet nicht nur in Berlin sondern in der ganzen Welt ein.. Jee Eun aus Korea
  • vom Projekt BücherboXX habe ich schon in Taiwan gehört und ich bin nochmal begeistert von der Präsentation Baruchs. Was für eine tolle Idee. Hsiang Yu aus Taiwan
  • freue ich mich, dass Sie sich um die jungen Leute kümmern. Dadurch könnte die nächste Generation ihre Beherrschung der deutschen Sprache verbessern… Christian aus USA

Vielen Dank für dieses interessante Gespräch!

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Eine Antwort zu Interview mit Baruch Many. Rechtsanwalt aus Tel Aviv/Israel

  1. litcow schreibt:

    Sehr interessantes Beispiel für Gespräche an einer BücherboXX. Ist eine Veröffentlichung des Vortrags von Baruch Many an dieser Stelle möglich? Fände ich gut. Liebe Grüße an ihn, falls er noch in Berlin ist! Sonst bitte per mail übermitteln.

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